Wie die Angst uns überlistet und was wir dagegen tun können

Erlebt man zum ersten Mal eine Panikattacke, weiß man meist noch gar nicht, dass das eine solche ist. Man hat einfach schreckliche Angstgefühle in sich und weiß gar nicht warum. Man ist furchtbar verwirrt und erschrickt über die Heftigkeit dieser Gefühle. Wenn wir keine Erklärung für das finden, was passiert (und die meisten von uns wollen Erklärungen), dann denken wir uns etwas aus. In so einer Situation denken sich die meisten Leute erstaunlicherweise das Gleiche aus. Ungefähr so: „Ich sterbe, ich werde verrückt, ich falle um, ich verliere die Kontrolle über mich selbst, ich tue etwas, um mich vollkommen lächerlich zu machen,  etwas mit meinem Körper oder Verstand ist furchtbar in Unordnung geraten.“ Suchen Sie sich das Passende für sich aus, auch mehreres ist möglich. Diese Interpretationen kommen durch die heftigen Gefühle, die man erlebt zustande. Sehr verständlich unter diesen Umständen, aber diese Interpretation ist falsch. Panik und Angst fühlen sich zwar schlimm an, aber sind nicht in der Lage, uns sterben oder verrückt werden zu lassen oder irgendetwas anderes mit uns zu tun, was uns Schaden zufügt.

Was die Angst jetzt bleiben lässt (anstelle der normalen chemischen Abbaureaktion, die ohne unser Zutun normalerweise stattfinden würde) ist der Fakt, dass wir sie behandeln wie eine echte Gefahr. Wir fangen an, uns vor ihr zu fürchten und zu schützen, als gelte es unser Leben.

Wir haben als Menschen die Gabe, uns auch zu fürchten, wenn wir gar nicht in echter Gefahr sind. Ein paar gruselige Bilder und Gedanken im Kopf reichen dazu völlig aus. Wenn wir die Quelle dessen, was uns Angst macht, ausmachen können und gar nicht erst in Zweifel ziehen, dass die Angstreaktion normal ist, dann ist das eine vorübergehende, für uns völlig akzeptable und natürliche Erfahrung. Wenn aber eben nichts Reales da ist, dann beginnen wir mit unseren eigenen Interpretationen und steigern uns mehr in die Angst und Panik hinein. Wir fangen letzten Endes an, die Gefühle der Angst an sich zu fürchten.

Wir fangen an, genau das Gegenteil davon zu tun, was zu tun wäre.  Wir verhalten uns eben so, als wäre eine echte Gefahr da. Und die Reaktion darauf ist uns evolutionär eingebaut: kämpfen, flüchten oder erstarren. Genau das tun wir, sobald wir denken, wir sind in Gefahr.

Wenn wir aber nicht in Gefahr sind, wie es bei Panikattacken und Angst der Realität entspricht, würde es eben eher helfen, locker zu bleiben, etwas Zeit vergehen zu lassen, den Körper einfach machen zu lassen (denn der weiß genau, wie er sich wieder beruhigen kann) bis die Gefühle vorbei sind. Claire Weekes (eine australische Ärztin, die sehr bekannt für ihre Arbeit mit Angststörungen ist) hat genau das beschrieben als „floating through anxiety“ („durch die Angst gleiten“).

Angst bleibt in unserem Leben, weil wir die nächste Attacke fürchten, weil wir alles versuchen, um diese Gefühle abzuwenden, weil wir sie weiter als echte Gefahr behandeln. Wir gehen nicht mehr an Orte, wo diese Gefühle aufgetaucht sind oder wir gehen nur noch mit Schutzmaßnahmen hin, wir schränken uns mehr und mehr ein. Wir richten unser Leben nach der Angst.

Der Weg heraus aus diesem Kreislauf ist genau das Gegenteil: Hören Sie auf, gegen die Angstgefühle zu kämpfen. Hören Sie auf, das Feuer der Angst zu schüren. Angst kann sich nur am Leben halten, wenn sie sie fürchten, ständig über sie nachdenken, immer überlegen, wie sie sie vermeiden oder loswerden können.

Das ist nicht unbedingt leicht, aber es ist zu lernen, es ist zu schaffen, egal wie lange oder intensiv Sie schon unter der Angst leiden. Es braucht vor allem zwei Dinge, um der Angst den Nährboden entziehen zu können und eine gelassene Einstellung ihr gegenüber zu entwickeln: Wissen und Erfahrung. Ein genaues Wissen über die Symptome und deren Bedeutung und die Erfahrung mit diesen Symptomen zurecht zu kommen, sie aushalten zu können und wieder verschwinden zu sehen, wieder und wieder, bis man es so gut weiß, dass man sie nicht länger fürchtet.